Fortsetzung Erfahrungsbericht Oia, Teil zwei: Bezahlbar essen: Motto: "Sparen auf höchstem Niveau"


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Abgeschickt von Matthias Gund am 19 Oktober, 2002 um 00:36:51

Na gut, dann hier Teil zwei:

Bezahlbar essen in Oia!, oder:

„Sparen auf höchstem Niveau“


Also, I did it my way:

Ich nahm mir keinen „room“, sondern ein „studio“, was heißt, dass ich eine Miniküche mit Kühlschrank, Herdplatten, Spülbecken und „full equipment“, also Geschirr, eine Pfanne, Topf... im Zimmer dabei hatte. Das versetzte mich in die Lage auf ein bezahltes Frühstück und teure Zwischenmahlzeiten zu verzichten. Ohnehin unterwerfe ich mich im Urlaub nur höchst ungern irgendwelchen Frühstückszeiten! Letztes Jahr auf Kreta hatte ich mit Frühstück gebucht und das Riesenglück, dass mein lieber Vermieter mir das Frühstück auch noch um halb eins nachmittags auf die Frühstücksterrasse gebracht hat, aber ich denke, dass das eine absolute Ausnahme war. Also zurück zum Thema:
„Mini-markets“ gibt es überall, meiner lag zehn Meter Luftlinie von meinem Zimmer entfernt, und, da ich in der Nähe von Agios Georgios wohnte (dort ist auch die Post), waren die Preise noch nicht sooo hoch wie weiter Richtung „sunset“ (es gibt wirklich einen direkten Zusammenhang!). Die Bäckerei war auch in der Nähe, also sorgte ich tags zuvor jeweils vor und bereitete, zu welcher (Nachmit-)Tageszeit mir der Sinn danach stand, mit Blick auf den volcano mal ein Frühstücksomelett, mal Spiegeleier (natürlich in Olivenöl schwimmend ausgebacken, das Öl wird dann mit dem weichen Brot vom Vortag schön aufgetunkt...). Dazu nehme man entweder einen Tütenespresso, oder einen Cappucino (oder beides), made by Nestle, für den Urlaub gar nicht so schlecht. Wem der Sinn danach steht, kann sich natürlich zum Spätstück gleich einen Frappé bereiten, ist im „Mini-market“ ja alles erhältlich. An den genialen Sonnennachmittagen Mittwoch und Donnerstag voriger Woche bestand für mich keinerlei Handlungsbedarf den Balkon zu verlassen. Ein gutes Buch, ab und zu unter dem Sonnenschirm hervorlugen und die Aussicht genießen, das langte vollauf! Bis der Hunger wieder kam. Doch hoppla, wozu hat man eine „fully equipped kitchenette“ und einen „mini-market“ um die Ecke? Also kurz los, Schwätzchen halten, Gemüse einkaufen und mit dem tags zuvor selbst eingelegten Feta (in Olivenöl „extra virgin“ mit kretischem Oregano und etwas Pfeffer) schnell einen „original greek salad“ zaubern. Rezept zum Beispiel aus dem Buch „Die traditionelle griechische Küche“, 7,30 €, im „Mini-market“ erhältlich... Den Salat anschließend auf der Panoramaterrasse genießen, ein Bier oder ein Glas Nikteri (aus dem Mini-market...) dazu, und ich war wirklich „satisfied“! Danach wieder nur relaxen, usw. Doch was hört man da von Thira? Von der unglaublich coolen Bar mit Liegestühlen und klassischer Musik, angeblich dem In-Treffpunkt schlechthin? Dort den Sonnenuntergang genießen und sterben? Da müsste ich mich ja jetzt flott in Bewegung setzen, entweder den Bus nehmen oder mir ein Moped besorgen, und einen Haufen Stress auf mich nehmen um pünktlich dort zu sein um für meinen Campari im Liegestuhl bei Ravels Bolero 12 (in Worten: ZWÖLF!!!) Euro zu bezahlen.
Gesagt, getan: Ich ging noch mal schnell in meinen, na? Genau: Mini-market, kaufte mir eine Flasche Campari, eine Zitrone, Eiswürfel hatte ich ja im Kühlschrank. Übrigens für 13,49 Euro, reichte die ganze Woche und ich hatte noch viel über. Kann man ja weiterschenken.

Jetzt wird wohl verständlich, warum ich von „Sparen auf höchstem Niveau“ spreche...

Nach dem Campari ging es dann bewaffnet mit einer kleinen Dose „Mythos“-Bier (aus dem Mini-market) zum Sonnenuntergang (man könnte meinen, ich hätte dort nur gesoffen!). Aber der Tagesablauf gerierte so manch Verhaltensweisen, die im Urlaub höchst angenehm sind, zu Hause allerdings nur Chaos hinterlassen würden....
Und jetzt wieder der absolut wahnsinnige Oia-sunset – ein Traum jeden Abend auf´s neue!

Gut, nun zum Thema Restaurants:

Vorwegschicken möchte ich, dass ich alleine gereist bin, für mich somit die Atmosphäre eines Lokals wesentlich wichtiger war, als beispielsweise für ein verliebtes Turtelpärchen, das vom Essen und der Umgebung sowieso nicht viel mitbekommt und froh ist, wenn es nach dem Essen endlich heim kommt.

Mein erstes Restaurant „Blue Sky“, an der Hauptgasse, ca. 200 m westlich von der Kirche Agios Georgios, bzw. der Post, machte zuerst auf mich einen recht passablen Eindruck. In der ersten Reihe (mit „view“) waren noch drei Tische frei und ich fragte, ob ich mich dort hinsetzen könne. Barsch wurde ich Richtung Küche an einen der letzten Tische an der Wand verwiesen mit den Worten „these are the tables for one person“.... Na gut, ich war hungrig und wollte jetzt auch nicht mehr weitersuchen. Ich bestellte „roasted lamb with potatoes“ (übrigens, „roasted“ bedeutet gekocht, bzw. geschmort, nicht gebraten!), was unterm Strich sehr schmackhaft war, vor allem die köstlichen gebackenen Kartoffeln, in die ich mich reinsetzen könnte (vor allem, wenn sie in Olivenöl schwimmen...), das Fleisch hingegen war etwas zäh, also insgesamt nur bedingt empfehlenswert. Im Verlauf des Essens wurde der Laden proppenvoll, besetzt bis auf den letzten Platz, sogar die Familie räumte ihren Stammtisch, um noch mehr cash machen zu können. Da ich von dem „view“ nichts hatte, weil ich ja hinten saß und ich mich mittlerweile in dieser Masse fressender, saufender und laut palavernder Touristen (keine Griechen!) etwas unwohl fühlte, beschloss ich zumindest die wärmende Nähe zum Grill auszunutzen und mir zum Tagebuch- und Postkartenschreiben noch einen Wein zu bestellen. Doch damit hatten die geldgeilen Abzocker offenbar nicht gerechnet: Sie wedelten bei meinem Wink schon mit der Rechnung und waren äußerst verdutzt, wohl eher verärgert, als ich mich noch nicht zur Zahlung von „bescheidenen“ 14 Euro (inklusive Tsatsiki) herabließ, sondern noch einen Wein orderte, obwohl ich umsatzschwacher Wurm alleine einen ganzen Tisch für vier Personen damit für mindestens eine weitere Stunde blockiere, an dem man doch locker in einer Stunde zwei mal vier hungrige Touris abfüttern könnte!

Solchermaßen leicht geschockt, begab ich mich am Folgetag etwas später auf Tour:
Ich dachte mir, dass ich besser nicht vor halb neun/neun ein Restaurant aufsuche um sicherzustellen, dass der größte Ansturm an Massen schon durch ist und um zu sehen, ob sich um diese Tageszeit sich nicht vielleicht ein paar Griechen eingefunden hätten, die mir durch ihre bloße Anwesenheit vielleicht schon verraten hätten, ob dieses Lokal ein Touristenfresstempel ist, oder ob es hier noch bezahlbar ist – und vor allem: ob hier noch traditionell griechisch gekocht wird, was mir sehr am Herzen liegt!

O.K., Griechen fand ich irgendwie nirgends, so ging ich von der Hauptgasse aus in der Nähe des nautischen Museums in eine Seitengasse Richtung Busstation, und traf auf das Restaurant „Thomas Grill“. Als ich kam - ein prima Szenario: Lamentierende Griechen am Grill und an den angrenzenden Tischen, ansonsten nur jeder dritte Tisch besetzt, „moderate“ Preise und es duftete lecker. Also rein! Nächster positiver Gedanke, ich habe freie Tischwahl (wenn auch ohne „view“, höchstens auf die nächsten Fassaden..., aber immerhin. Doch kaum hatte ich meine lamb chops (6,95 € - „very cheap“...), da begann unerklärlicherweise das Ding zum späteren Zeitpunkt als gestern ebenso proppenvoll zu werden, und ich versank abermals in dieser wogenden Masse aus Fressgeilheit einerseits und Geldgeilheit andererseits. Ich hatte mich schon so sehr gefreut, mein geliebtes Tagebuch am heutigen Abend mal entspannt führen zu können, und schon wieder schien mich eine unsichtbare Hand herauskomplimentieren zu wollen, um dem ungeschriebenen Gesetz Santorinis nach „Zeit ist Geld“ weichen zu müssen!
Hehe, aber ich wandte einen Trick an: Ich ließ mir mit den letzten Happen meines Essens mächtig viel Zeit, fing nebenher an zu schreiben und bestellte mir harmlos „zum Essen“ noch einen Wein. „Zum Essen“ wird so eine Bestellung ja noch geduldet, bloß nicht hinterher, wir sind hier ein kommerzieller Betrieb auf Hochtouren mit dem Ziel der Gewinnmaximierung und keine Strandtaverne! Aber es klappte und ich konnte, trotz permanenter Warteschlangen vor dem Eingang, mein Tagebuch in einer entspannteren Atmosphäre fertig schreiben als den Tag davor - und naschte meine Oliven dazu.

Aber das Gelbe vom Ei war des denn nu noch nich´!

Also, nun das Happy End:

Am dritten Tag entdeckte ich, ganz in der Nähe meiner „location“, auf dem Weg vom hauseigenen „Mini-market“ zum sunset ein Hinweisschild auf eine rechts liegende, ca. 30m von der Hauptgasse entfernte Taverne direkt an der recht belebten Hauptstraße zur Busstation, bzw. zum Hafen. ALKYONA, der Name, schnuckelig bunt, mit vielen Pflanzen das Ambiente von außen.
Aber: Kein Mensch drin. Vor dem Sonnenuntergang.
Ich beschloss, mir das Ganze mal später anzuschauen. Gut, von weitem zu sehen, vier Leute drin, zwei Pärchen. Auf den letzten Metern standen die auf und gingen, ich stand plötzlich alleine im Lokal. Was tun? Gut, der Chef kommt, „have a seat“. Die Glotze läuft mit griechischer Wahlberichterstattung, parallel dazu aus den Boxen griechische Volksmusik. Urtypisch eben, und der Grill ist noch in Betrieb, die Chefin lässt sich persönlich blicken und ist sehr freundlich (sie kann kein Englisch), die Tochter des Hauses (ca. 16) bringt betont gelangweilt das Gedeck vorbei. Aber mit warmem, leicht angetoastetem Brot, ein wenig Butter und einem Schälchen Oliven (für 75 c). Ich schöpfe Hoffnung!
Die sofort wieder zerstört wird, als ich sehe, dass der Chef den Hauswein nicht offen ausschenkt, sondern nur in „big bottles“ zu 6,95 €. Aber reden muss man mit den Leuten:

„I give you half the bottle for the half price of the big bottle of my housewine. But because my housewine is empty, I give you the better one for the same price, no problem!”

Wie lange hatte ich diese magischen Worte schon nicht mehr gehört! Ich dachte schon, sie wären in Vergessenheit geraten, seit ich 1989 erstmals meinen Weg in das Land des guten Weins und des von Gott den Griechen gegebenen „no problem“ fand!
In diesem Stil ging es dann weiter: Vielleicht, so dachte ich mir, sind die froh um jeden Idioten, der den Weg in ihr untouristisches Lokal gefunden hat. Aber weit gefehlt. Sie sind so geblieben, wie sie waren, und wie Gastfreundschaft in Griechenland wohl früher immer gewesen sein muss: Unaufdringlich, freundlich, herzensgut und fair!

Mein chicken souvlaki vom Grill war eine Wucht und die mit, ich glaube einer Art Cheddar-Käse bestreuten Auberginen, die ich als Vorspeise hatte, ebenfalls. Irgendwo in der Karte schreiben sie auch, dass sie zum Kochen und Frittieren nur gutes Sonnenblumenöl und für die Salate nur bestes Olivenöl verwenden. Und das schmeckt man! Nebenbei bemerkt, für die Leute unter euch, denen schon der Gedanke an schwimmend in Olivenöl ausgebackene Spiegeleier Durchfall bereitet: Erstens gewöhnt man sich innerhalb von zwei bis drei Tagen dran, sofern man von zu Hause nicht schon „immun“ ist, zweitens gibt es im ALKYONA Essig und Öl zum Selbermixen des Salates auf den Tisch gestellt! Und es gibt den (bei uns) obligatorischen Verdauungs-Ouzo spätestens zur Rechnung gratis dazu. Das ist mir in Oia vorher auch nicht passiert.

So, da hatte ich nun mein Stammlokal (mit Familienanschluss) gefunden. Zum späteren Abend kehrten denn auch die Griechen ein, mal wurde palavert (und ich an den Tisch gebeten – sorry Tagebuch, das hier ist wichtiger...), mal wurden Familienvideos geschaut, nachdem die Touristen gegangen waren und die Mama stellte noch einen Kuchen auf den Tisch...!

Ich denke, das reicht! Ich wünsche euch ebensolche friedfertigen und (after all) phänomenal schönen Tage in Oia. Und wenn ihr beim ALKYONA vorbeischaut, dann denkt dran, dass das ein Laden ist, den es vielleicht nur noch so lange geben wird, wie es solchermaßen wertschätzende Touristen gibt. Grüßt den Chef, Michael Gularas, von mir.

Liebe Grüße von Matthias Gund aus Saarbrücken.

Kalinichta!



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